Die moderne Medizin steht vor einer massiven demografischen Herausforderung: Mit steigender Lebenserwartung nimmt die Zahl der PatientInnen mit mehreren gleichzeitig bestehenden chronischen Erkrankungen – der sogenannten Multimorbidität – exponentiell zu. Während die klassische medizinische Ausbildung oft auf die Behandlung einzelner Organe oder spezifischer Krankheitsbilder ausgerichtet ist, erfordert die Versorgung multimorbider Menschen einen Paradigmenwechsel. Es geht nicht mehr nur um die Summe der Einzelerkrankungen, sondern um das komplexe Zusammenspiel von Pathophysiologie, Medikation, sozialem Kontext und individueller Resilienz.
Definition und das biopsychosoziale Verständnis
Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens über eine einzige, allgemeingültige Definition der Multimorbidität. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht vereinfacht von „zwei oder mehr chronischen Erkrankungen“. Doch diese rein numerische Betrachtung greift zu kurz. Ein Patient mit zwei stabilen Erkrankungen unterscheidet sich fundamental von einem Patienten mit zwei instabilen, sich gegenseitig beeinflussenden Leiden.
Ein moderner Ansatz folgt dem biopsychosozialen Modell. Hierbei wird die Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern als ein dynamisches Gleichgewicht zwischen biologischen Faktoren (z. B. Diabetes, Hypertonie), psychischen Aspekten (z. B. Depression, kognitive Einschränkungen) und sozialen Gegebenheiten (z. B. Alleinlebend, sozioökonomischer Status).
Prüfungstipp: Merken Sie sich den Unterschied zwischen Multimorbidität und Frailty (Gebrechlichkeit). Multimorbidität beschreibt die Anzahl und Art der Erkrankungen, während Frailty einen Zustand erhöhter Vulnerabilität beschreibt, der das Risiko für Stürze, Delir oder den Verlust der Autonomie massiv steigert.
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